Eine Frau taucht auf: Aus den Notizen von Saint-Just

18.07.2026

Ohne Ort. Ohne Datum.

In einem handschriftlichen Notizbuchfragment um 1794 beschreibt Antoine Saint-Just eine Begegnung mit einer Frau. Völlig unvermittelt taucht sie auf, mitten in seinen politischen Notizen zu den Republikanischen Institutionen.

Die Szene ist überraschend intim: Zwei Menschen liegen im Bett und sprechen über Liebe, Trennung und Zukunft. Die Frau fühlt anders als der Mann. Sie gibt sich ihm hin, aber fühlt nichts und zeigt es ihm. Ja, sie liebt ihn. Aber sie kann sich mit ihm kein gemeinsames Leben vorstellen.

Das passt kaum in die Tugend- und Moralvorstellungen des späten 18. Jahrhunderts: ein Mann, der trotzig wird wie ein Kind, eine Frau, die selbstbestimmt wählt, nicht wählt – und über ihre Gründe schweigt. Sie ist die Mächtige in diesem Dialog.

Was ist das für ein Text? Ist er autobiografisch? Ist er Literatur? Oder beides? 

Bis heute gibt dieses Fragment Saint-Justs Biografen Rätsel auf. Die sprachliche Kargheit, die Unausweichlichkeit, die Körperlichkeit ohne Lust – all das ist modern, viel zu modern für 1794. Vielleicht gerade deshalb, weil Saint-Just hier gar keine Literatur schreiben wollte. Vielleicht schrieb er, um etwas zu begreifen.

Genau solche Schnipsel und Leerstellen zeigen, was zwischen den Zeilen der großen Geschichte passiert: kein Held, kein "Erzengel", sondern ein junger Mann, der an sich selbst und seiner Liebe fast zerbricht, der das Schweigen einer Frau mit Deutungen auskleidet und sie trotzdem nicht versteht. Und der schließlich zu einer bemerkenswert kreativen Form der Selbsttherapie greift, um dieses Erlebnis auszuhalten: zum Schreiben.

Wer war diese Frau? War sie Thérèse Gellé, Saint-Justs Jugendliebe? Hat sie ihn kurz vor seinem Tod in Paris noch einmal besucht?

Wir wissen es nicht.

Vielleicht liegt das Berührende dieses kleinen Notizbuchfragments genau darin: dass eine namenlose Frau für einen Moment aus den Papieren eines berühmten Mannes heraustritt.

Manchmal muss man solche Leerstellen mit Fantasie füllen.

Meine Übersetzung bleibt dem Original so nah wie möglich. Zur besseren Lesbarkeit habe ich seine etwas wilde Orthografie und Interpunktion behutsam geglättet. 


Saint-Just über zwei Liebende

Sie kam mit sehr langsamen Schritten, trat ein, umarmte ihn und drückte seine Hand.

Er warf ihr sanft ihre lange Abwesenheit und ihr Schweigen vor, doch sie erwiderte nichts. Er nahm sie bei der Hand und führte sie in sein Apartment, wo er sie mit den zärtlichsten Liebkosungen überschüttete. Sie lächelte, sprach jedoch kein Wort. Sie ließen sich beide auf einem Bett nieder, sie empfand kein Vergnügen, nahm jedoch umso mehr Anteil an dem ihres Freundes, sie ließ ihre Hände über seine Haut und seinen Körper gleiten, kreuzte ihre Beine mit den seinen.

Er fragte sie, ob sie ihn nicht mehr liebte.

Sie küsste ihn, doch verblieb in tiefem Schweigen.

– Soll ich deinen Mund mit einem Kuss öffnen? fragte er.

Sie lächelte, doch dann machte er ihr Vorhaltungen, dass sie ihm nicht geschrieben hatte.

– Ich musste kommen, antwortete sie.

– Früher, wenn du kamst, hast du mir mehrere Briefe mitgebracht.

Sie antwortete nicht.

– Ich werde dich überwinden, sagte er, doch sie sagte kein Wort. Warum bist du so traurig, fragte er.

– Weil du mir gesagt hast, du würdest mich überwinden.

– Du warst auch vorher traurig, erwiderte er, doch sie sagte nichts.

– Wohin wird das führen, fuhr er fort. Irgendwann müssen wir uns wieder trennen. Denkst du nicht an die Zukunft?

– Ich denke nicht mehr daran, sagte sie, ich weiß nicht, warum. Es kommt mir vor, als würde ich dich immer hier sehen.

– Du wirst mir gegenüber gleichgültig, doch warum so viel Traurigkeit? fragte er.

– Du willst, dass ich dir folge, doch ich werde niemals in der Lage sein, es zu tun, sagte sie. Ich werde es dir versprechen, damit du deinen Aufstieg weiterverfolgst, wir werden dann sehen, aber ich werde niemals in der Lage sein, es zu tun.

– In diesem Fall sollten wir uns sofort vergessen, sagte er. Komm, fasse Mut, da wir uns eines Tages trennen müssen. Lass uns den Schmerz nicht weiter vertiefen. Leb wohl. Ich werde eine andere Frau finden. Ich werde dir meine Kinder bringen, und du wirst sie lieben, als wären es deine eigenen.

– Nein, rief sie, das will ich nicht, und brach in Tränen aus, während sie ihn immer wieder umarmte.

– Lass uns unsere Schwäche überwinden, sagte er weiter, und erklärte ihr wieder, dass er eine Frau nehmen würde, die ihr ähnlich wäre, und ihr seine Kinder bringen würde. Du siehst, ich weiß mich damit abzufinden. Ich würde mich ebenso damit abfinden, wenn du mir untreu wärst. Du bist nicht eifersüchtig?

– Nein.

– Liebst du mich?

– Ja, ich liebe dich.

– Nun gut, wir müssen uns vergessen, uns trennen und uns nicht mehr wiedersehen.

Sie weinte.

Es dauerte nicht lange, bis er ihr zeigte, dass er sie noch immer genauso liebte. Er ließ sie versprechen, übermorgen wiederzukommen.

Beim Abschied sagte er: Vieles bedrückt dich, besonders das, was du mir das letzte Mal anvertraut hast. Sie versprach ihrem Freund, ihm viele Dinge zu sagen. Ebenso viele Dinge hatte sie ihm geschrieben. Er fragte sie danach, doch sie antwortete nicht.

Sie wollte wissen … (drei Wörter unleserlich).

Er begleitete sie hinaus und küsste sie zärtlich. Als sie ging, wurde sie wieder etwas ruhiger. Sie nahm das Geheimnis ihrer Traurigkeit mit sich.

Er dachte bei sich: Entweder misstraut sie mir, oder sie ist eifersüchtig, oder sie verfolgt ein Vorhaben, das sie mir nicht zu sagen wagt.

(Original: Saint-Just, Œuvres complètes, Duval-Edition 2003, S. 965–966. / NAF 24136, Bibliothèque nationale de France)


Notizbuchseite von Saint-Just
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