Saint-Justs Dinge– Ein Inventar von 1794
I. Militärische Gegenstände
1. Kupfernes Fernrohr aus vier Teilen
Ein typisches militärisches Fernrohr des späten 18. Jahrhunderts. Solche Instrumente wurden von Offizieren oder Beobachtern verwendet, um Gelände und Truppenbewegungen zu überblicken. Für Louis Antoine de Saint-Just bestätigt es seine Tätigkeit als Repräsentant der Konvention bei den Armeen, der tatsächlich mit den Truppen unterwegs war.
⸻
2. Degen mit Stahlgriff, mit Rautenmustern geprägt
Ein Degen war weniger eine Waffe für den Kampf als ein Standes- und Amtszeichen. Auch Revolutionäre trugen weiterhin solche Zeichen militärischer Autorität. Das zeigt, wie stark sich revolutionäre und ältere höfische Symbolik überlappten.
⸻
3. Zwei Epauletten mit Fransen, zwei ohne Fransen, drei silberne Gallonen
Epauletten zeigten Rang an. Silber war typisch für Offiziere. Saint-Just war kein Berufsoffizier, aber als Repräsentant der Konvention besaß er militärische Autorität – solche Insignien machten diese Rolle sichtbar.
⸻
4. Blaue Polizeimütze mit rotem Innenfutter und Goldborte
Die Farbkombination erinnert an revolutionäre Farben. Gleichzeitig gehört die Mütze zur militärischen Kleidung. Auch hier zeigt sich die typische Mischung aus ziviler und militärischer Rolle, die die Repräsentanten der Revolution innehatten.
⸻
II. Möbel und Wohnungsausstattung
1. Zwei Vorhänge aus blauem Taft
Taft war ein relativ hochwertiger Stoff. Die wiederkehrende Farbe Blau taucht auch in seiner Kleidung auf und könnte sowohl persönlicher Geschmack als auch eine Anspielung auf die revolutionären Farben sein.
⸻
2. Baumwolldecke
Baumwolle wurde im späten 18. Jahrhundert immer verbreiteter und galt als praktisch und hygienisch, weil sie leichter gewaschen werden konnte.
⸻
3. Strohmadratze
Ein Strohsack gehörte selbst in wohlhabenden Haushalten zur Bettausstattung. Meist lag er unter Matratze oder Federbett. Möglich ist auch, dass er für den Diener Villers bestimmt war.
⸻
4. Matratze
Zusammen mit Strohsack und Federbett ergibt sich das typische mehrschichtige Bett des 18. Jahrhunderts.
⸻
5. Toilettenstuhl aus Furnier
Ein Möbelstück mit eingesetztem Gefäß – der Vorläufer moderner Toiletten. Solche Möbel standen meist in kleinen Nebenräumen. Dass er einen solchen besaß, zeigt Wohnkomfort, der in Pariser Wohnungen nicht selbstverständlich war.
⸻
6. Federbett mit Polster
Federbetten waren bequem und relativ teuer, weil Federn kostbar waren. Sie gehörten zur bürgerlichen Komfortausstattung und wurden häufig über Generationen weitergegeben.
⸻
7. Mahagoni-Nachttisch mit Marmorplatte
Mahagoni war ein importiertes Kolonialholz und modisch im Louis-XVI-Stil. Das Möbel deutet darauf hin, dass Saint-Just durchaus geschmackvoll eingerichtet lebte.
⸻
8. Zweite Matratze
Mehrere Matratzen waren nicht ungewöhnlich, da Betten oft modular aufgebaut waren. Sie konnte auch für Gäste gedacht sein, zum Beispiel seinen Kumpel Victor Thuillier. Auch seine Jugendliebe Thérèse Gellé hätte es hier sicher gemütlich gefunden...
⸻
9. Furnierte Kommode mit reparierter Marmorplatte
Eine typische bürgerliche Kommode. Die reparierte Platte deutet darauf hin, dass die Möbel nicht unbedingt neu oder luxuriös, sondern praktisch genutzt waren.
⸻
10. Bett im "türkischen Stil" mit Rollen, bezogen mit blauem Damast
Ein lit à la turque, eine Mischung aus Sofa und Bett, im späten 18. Jahrhundert sehr modisch. Der Damastbezug zeigt eine gewisse Eleganz. Solche Möbel wurden oft tagsüber wie ein Sofa genutzt.
⸻
III. Kleidung
Zeitgenossen beschrieben Saint-Just als außerordentlich elegant gekleidet. Seine Gegner verspotteten ihn deshalb als "Chevalier Saint-Just".
⸻
1. Vier abgetragene Paar Stiefel
Das Inventar nennt sie "schlecht" (mauvais), vermutlich weil sie stark abgenutzt waren. Das passt zu einem Mann, der viel reiste und häufig zu den Armeen unterwegs war.
⸻
2. Zwei blaue Hosen
Lange Hosen wurden in den 1790er Jahren zunehmend modern. Traditionell trugen Männer noch Culotten. Saint-Just besaß beide Formen und bewegte sich damit zwischen alter und neuer Mode.
⸻
3. Graue "Houppelande"
Der Begriff klingt nach Mittelalter, wurde aber im 18. Jahrhundert noch teilweise verwendet. Wahrscheinlich handelte es sich um einen warmen Mantel oder Pelzumhang für den Winter.
Wer das berühmte Porträt von Jacques-Louis David kennt, könnte darin vielleicht den dunklen Mantel erkennen, den Saint-Just dort trägt...

⸻
4. Ein weiteres Paar Stiefel
Dieses Paar scheint gut erhalten gewesen zu sein – vielleicht ein besseres Paar für die Stadt oder schlicht neu gekauft, während die anderen auf Reisen benutzt wurden.
⸻
5. Zwei blaue Anzüge, einer mit Uniformknöpfen
Blau taucht immer wieder auf. Es könnte persönlicher Geschmack sein oder eine bewusste Wahl einer revolutionären Farbe.
⸻
6. Zwei Musselinwesten
Westen waren zentrale Modeelemente. Musselin war leicht und modisch.
⸻
7. Rundhut und Dreispitz
Der hohe Rundhut (chapeau rond) war der häufigste zivile Hut der Revolutionszeit. Merkmale: niedriger oder mittelhoher Zylinder, leicht konische Form. Der Dreispitz war eigentlich schon unmodern. Saint-Just bewegte sich auch hier zwischen zwei Modeepochen. Übrigens: Einen Rundhut (hohen Hut) trägt er auf dem Porträt von David...
⸻
8. Blauer Gehrock mit Kupferknöpfen
Der Gehrock war das zentrale Kleidungsstück eines eleganten Mannes. Wer weiß, vielleicht ist es das Objekt, das er trug, als er Angélique Verrier Modell saß...?

⸻
9. Weiterer Rundhut und Dreispitz mit Goldborte
Die Goldborte deutet auf repräsentativere Kleidung hin.
⸻
10. Culotte aus Hirschleder
Hirschleder war robust und wurde häufig für Reithosen verwendet. Solche Culotten waren praktisch für Reisen und militärische Missionen.
⸻
11. Blaue Stoffweste mit Kupferknöpfen
Ein weiteres Beispiel für die wiederkehrende Farbe Blau.
⸻
12. Blaue Culotte mit schwarzer Kante und Lederschnalle
Die Schnalle hielt die Hose unter dem Knie fest – typisch für Culottenmode des 18. Jahrhunderts.
⸻
13. Zwei Paar Handschuhe
Handschuhe gehörten zum korrekten Auftreten eines Gentleman, diente aber wohl auf auf den Missionen.
⸻
14. Zwei Trikolor-Gürtel
Ein klares politisches Symbol der Revolution.
⸻
15. Weiße Seidenhose
Seide war teuer und empfindlich. Solche Hosen wurden eher bei offiziellen Anlässen oder im Konvent getragen, nicht im Alltag.
⸻
16. Grauer gestreifter Stoffanzug
Älter und etwas abgenutzt. Wahrscheinlich ein eher bürgerlicher Alltagsanzug.
⸻
17. Strümpfe (Baumwolle, Seide, Filoselle)
Bemerkenswert ist, dass alle Strümpfe laut Inventar von Motten zerfressen waren. Offenbar legte unser Revolutionär keinen großen Wert auf Dinge, die ohnehin niemand sah. Oder er war schlicht sparsam. Es passt aber auch zu der Tatsache, dass seine Besitztümer erst fast ein Jahr nach seiner Hinrichtung verkauft wurden und offenbar lange schlecht gelagert waren.
⸻
18. Sechs Hemden
Das Hemd war das eigentliche Untergewand und wurde häufig gewechselt.
⸻
19. Zwölf Halstücher
Das wohl traurigste Objekt der Liste – bestätigt es doch das Bild, das wir von ihm haben: die hochgeschlossene, voluminöse Cravate. Sie war ein zentrales Modeelement der Zeit. Seine Tücher bestanden aus Musselin, Seide und Baumwolle. Zwölf war in der Tat eine beachtliche Zahl – und bestätigt seine kleine Obsession für dieses It-Piece.
⸻
IV. Verschiedene Gegenstände
1. Zwei Koffer
Ein deutlicher Hinweis auf sein ständiges Reisen zwischen Paris und den Armeen.
⸻
2. Aktentasche aus Marokko-Leder
Marokko-Leder galt als hochwertig und wurde häufig für Dokumententaschen verwendet.
⸻
3. Tinte und Pulver
Schreiben gehörte zum Alltag eines Politikers der Revolution.
⸻
4. Reiseetui (nécessaire)
Bestandteile:
• Etui aus Pergamentkarton
• Stahlmesser
• Stahlgabel
• Taschenmesser
• Korkenzieher
• Bleistift
• Zinnlöffel
• Rasiermesser mit Elfenbeingriff
• Lineal
• "schwarzer Stab" (wahrscheinlich Federhalter)
• Stück elastisches Gummi (früher Radiergummi)
Dieses Set kombiniert Schreibutensilien, Körperpflege und Essbesteck in einem einzigen kompakten Etui. Solche "nécessaires" waren typisch für Menschen, die viel unterwegs arbeiteten. Saint-Just reiste ständig zwischen Paris, dem Konvent und den Armeen. Das Etui erlaubte ihm unterwegs zu schreiben, sich zu rasieren und zu essen. Das "elastische Gummi" ist besonders interessant: Dabei handelt es sich sehr wahrscheinlich um natürlichen Kautschuk, der im späten 18. Jahrhundert als früher Radiergummi verwendet wurde.
⸻
5. Sporen
Ein Hinweis darauf, dass Saint-Just gern und oft ritt.
⸻
6. Silberner Bleistifthalter
Ein kleines, elegantes Objekt, das wiederum zeigt, wie wichtig Schreiben und Notieren in seinem Alltag war.
⸻
7–9. Mehrere Sets Servietten und Tischwäsche
Große Wäschebestände waren üblich, da Wäsche selten gewaschen wurde und Haushalte mehrere Garnituren besaßen.
⸻
10. Vierzehn Baumwollüberzüge
Mehrere Garnituren für Bett und Matratzen, typisch für die Haushaltsführung des 18. Jahrhunderts. Die Baumwolllaken wurden über die Matratze gespannt und um die Wolldecke geschlagen, damit die Wolle beim Schlafen nicht direkt auf der Haut auflag, was als ungemütlich und unhygienisch galt.
⸻
11. Gemälde: Verbrennung feudaler Urkunden
Ein politisches Motiv, das den Bruch mit dem Ancien Régime symbolisierte. Wenig überraschend. Interessant nur, dass es das einzige Wandgemälde im Apartment war. Offensichtlich hatte Saint-Just kein großes Interesse an Deko.
⸻
12. Elfenbeinflöte (Flageolet) mit Zubehör
Ein überraschendes Objekt. Es erinnert daran, dass Saint-Just nicht nur eine politische Figur war, sondern auch ein junger gebildeter Mann seiner Zeit, der sich für Literatur, Theater und offenbar auch Musik interessierte. Es ist also durchaus denkbar, dass die Flöte einmal in der Wohnung in der Rue Caumartin erklang – vielleicht an einem ruhigen Abend, weit entfernt vom Lärm des Konvents oder der Armeen. Gerade solche kleinen Gegenstände machen historische Figuren oft unerwartet menschlich.