Saint-Just und das Schweigen des Romantikers – ein Essay

Im Moment seines Scheiterns verstummt Saint-Just. Einer der brillantesten Redner der Französischen Revolution verfällt in tiefes Schweigen — bis er mit nicht einmal 27 Jahren unter der Guillotine stirbt. Dieses Nichtsprechen ist mehr als politisches Kalkül: ein Innehalten, ein Rückzug in die Melancholie. Ein Moment, der über das Persönliche hinausweist — ganz im Sinne frühromantischer Erfahrung. Louis Antoine de Saint-Just (1767–1794), Revolutionär, Politiker, Autor, schrieb in seinem kurzen Leben als "Todesengel der Revolution" Geschichte. War Saint-Just ein Frühromantiker? Ein Vorläufer einer Bewegung, die erst nach seinem Tod Gestalt annahm? Es lohnt ein anderer Blick.
Louis Antoine de Saint-Just, geboren 1767, gehörte zur Generation der Frühromantiker – wie Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Novalis, Ludwig Tieck. In Frankreich waren es Madame de Staël und Chateaubriand. Sie alle waren Kinder derselben Zeit — junge Zeitzeugen der Revolution, erschüttert vom Bruch der alten Ordnung, auf der Suche nach einer neuen Weltdeutung. Die Frühromantik war ihr Versuch, die Umwälzungen innerlich zu bewältigen, jenseits bloßer Vernunft. Auch Saint-Just wusste um die Herausforderung, "mit diesem Jahrhundert fertig zu werden". Der Epochenumbruch war nicht allein durch Logik zu fassen. Denn Vernunft allein verpasst das Gewordene, Vergehende, organisch Gewachsene.
Diese Themen — Verfall, Tod, Sehnsucht, das Unerreichbare — sind zentral bei Saint-Just. In seinem Bücherregal standen nicht nur Gesetzestexte wie bei Robespierre, sondern auch Romane, Poesie, Philosophie, die Lehren des Konfuzius. Saint-Just war selbst ein unermüdlicher Schreiber, brachte Politisches, Philosophisches, Poetisches zu Papier. Bereits sein literarischer Erstling Organt (1789) zeigt die Spannweite seiner Gedankenwelt: ein Spiel mit Identität, Begehren und Weltverachtung, das literarisch zwischen aufklärerischer Satire, burlesker Subversion und dunkler Empfindsamkeit oszilliert.

Saint-Justs Revolution war nie nur politisch. Sie war Ausdruck einer Vision, getragen von Pathos, Idealismus und einer zutiefst romantischen Nostalgie. Geprägt von Rousseau, getragen von aufklärerischem Denken, entwirft Saint-Just eine Welt, in der Gefühl, Moral und politische Ordnung verschmelzen sollen. Doch in seinen Reden, in seinem unpublizierten Werk De la Nature und in seinen Notizen während der jakobinischen Diktatur ahnt man bereits den Übergang zur Romantik — ein Denken, das das rationale Projekt übersteigt.
Saint-Just dachte oft quer zur offiziellen Linie, dachte weiter. Er war nie bloßer Mitläufer. In seinen Notizbuchskizzen Fragments sur les institutions républicaines (ca. 1793/1794) entwirft er ein konkretes Bild jener zukünftigen, moralisch verankerten Welt: Freundschaft im Tempel beschworen, eine rein auf Zuneigung basierende Ehe, vegetarische Ernährung für Kinder, Erziehung im Sinne Rousseaus. Ein Gesellschaftsentwurf voller Moral und Reinheit, ohne Frage totalitär, romantisch verträumt. Ein Fragment utopischen Glücks, das niemals realisiert wurde.
Saint-Just suchte nach einem Zustand, in dem Glück und Ordnung eins würden. "Das Glück ist eine neue Idee in Europa", sagt er — das Glück, eine neue Idee auf einem Kontinent der Trümmer. Für die Romantiker bleibt es ein Phantom: flüchtig, unerreichbar. Was bleibt, wenn das Leben bloß ein Traum ist? "Dann träumen wir wenigstens, dass wir glücklich sind", sagt Organt. Der Traum wird zur Haltung — nicht als Flucht, sondern als letzte Form der Weltbewältigung. Ihr Preis ist die Einsamkeit. Rousseau zog sich in die Wälder zurück, um der Gegenwart fern zu sein. Saint-Just, auf dem Gipfel seiner Macht einsam, verankert sich in der Zukunft. Seinem Notizbuch vertraut er an:
Der Mensch, der sich gezwungen sieht, sich von der Welt zu isolieren, wirft seinen Anker in die Zukunft und drückt die Nachwelt an sein Herz.
Kein Revolutionär verschmolz so vollkommen mit der Idee der Revolution wie Saint-Just, der von sich selbst sagte, er sei vor ihr "ein Nichts" gewesen. Die Tragödie seiner letzten Stunden, die unaufhaltsame Konfrontation seiner idealistischen Vision mit der realen Brutalität der Revolution, zeigt die Unvereinbarkeit von Traum und Wirklichkeit. In der Kapitulation am 9. Thermidor (27. Juli 1794), als sich der Sturm gegen ihn, Robespierre und ihre Unterstützer aufbaute, offenbart sich die vollendete Tiefe dieser romantischen Tragödie: Der Held stirbt mit seiner Idee. Saint-Just wird ironischerweise zu dem Individuum, das trotz des wachsenden Widerstands gegen seine Ideale bis zum Schluss an diesen festhält und, gänzlich mit diesem verschmolzen, scheitern muss.
Die romantische Geste, nicht zu weichen und dennoch zu verlieren, ist keine Niederlage im banalen Sinn. Sie ist Haltung: ein heroisches Scheitern, das Schönheit aus Unvereinbarkeit schöpft. Der Tod — für viele Romantiker unvermeidlicher Teil des wahren Lebens — wird bei Saint-Just zur letzten Inszenierung, zum stillen Wimpernschlag persönlicher Konsequenz. Mit ebenmäßigen Zügen, lockenumrahmt, schweigend bis zuletzt, bestieg er das Schafott: ein Bild von erhabener Kälte und unerreichter Klarheit. Saint-Just stirbt auf dem Höhepunkt seines kometenhaften Aufstiegs — jung wie Novalis, wie Heinrich von Kleist oder Franz Schubert. Auch das ist romantische Tragik. Und wieder wird Organt zur schauderhaften Prophezeiung seines eigenen Todes:
Der Held schläft unter seinem welken Grab, und seine Lieben kommen, um darauf zu tanzen.
Saint-Just hatte eine tiefe Verbindung zum Dunklen. Nebel, Ruinen, Sterbensbilder durchziehen die Verse in Organt. Der Tod ist stets präsent, nicht als Ende, sondern als Schwelle, als Verwandlung. Dies ist kein religiöses Bekenntnis, im Gegenteil. In Organt zerlegt Saint-Just die kirchlichen Strukturen seiner Zeit mit beißendem Spott, rechnet mit Himmel wie Hölle ab, als seien sie lediglich moralisierende Konstrukte einer verlogenen Ordnung. Ein höheres Wesen taucht allenfalls in lauen Bekenntnissen auf – weniger als Objekt des Glaubens denn als Projektionsfläche der Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Das Ewige ist bei ihm etwas Anderes, zutiefst Persönliches, es ist romantisch: die Vorstellung, als Schatten weiterzuwirken. Saint-Just schreibt in Organt:
Statt Tränen das Blut der Feinde, statt Blumen ihre zerbrochenen Waffen; gedenkt, dass mein zürnender Schatten nach meinem Tod unter euch leben soll — um euren Schlag zu entfachen, um ihn zu lenken.
Posthum als "Erzengel der Revolution" bezeichnet, wurde Saint-Just zur literarischen Chiffre der Romantik des 19. Jahrhunderts — eine Projektion, die auf seine jugendliche Schönheit, seine fast überirdische Strenge und seine unerbittliche moralische Konsequenz anspielt. Der Spitzname hätte ihm wohl gefallen, sah er sich doch selbst als Vollstrecker einer höheren Ordnung. Saint-Just selbst betrieb diese Abkopplung von Bild und Ich mit fast schon philosophischer Präzision — ein Akt der Selbsterschaffung, der zugleich romantische Todesbewältigung war.
Vielleicht war es auch der letzte Versuch, das Ich aus der Geschichte zu lösen und in den Mythos zu überführen. Indem er sich zum Schweigen durchrang, entzog er sich dem Zugriff der Welt. Er verachtete den Körper, den Staub, das Vergängliche — ganz im Sinne der Romantik, die im Leiblichen nie das Eigentliche sah. Den Staub konnte man töten, verbrennen, verscharren. Aber nicht das, was er sich selbst erschaffen hatte: das große Bild, die Idee, den Mythos. In einem seiner letzten Notate findet sich jener berühmte Satz, der wie ein Manifest romantischer Selbsttranszendenz klingt:
Ich verachte den Staub, aus dem ich gemacht bin und der zu euch spricht; man kann ihn verfolgen, man kann ihn töten, diesen Staub! Aber ich trotze jedem, der mir das entreißen will, was ich mir selbst gegeben habe: ein unabhängiges Leben — in den Jahrhunderten und in den Himmeln.
Sein hinterlassenes Werk bleibt fragmentarisch. Saint-Justs Notizen, Entwürfe, Überlegungen enden abrupt am 9. Thermidor. Vieles davon blieb zu Lebzeiten unveröffentlicht, zurückgehalten in der Schublade. Seine Texte geben keine einfachen Antworten — sie werfen Fragen auf. Auch darin ist es ironischerweise hochromantisch. Für Schlegel ist das unvollendete Werk der perfekte Ausdruck von Willkür und Freiheit seines Autors. Saint-Just und Schlegel hätten sich gut verstanden.