Saint-Justs "Organt" –  Die burleske Geburt eines Revolutionärs

02.01.2026

Louis Antoine Saint-Just, Porträt von Angélique Verrier, Musée Carnavalet (Paris), Foto: M. Manske


Als der neunzehnjährige Louis Antoine de Saint-Just im Herbst 1786 in eine Pariser Besserungsanstalt eingewiesen wurde, begann er ein Werk, das man nicht als pubertäre Geste, sondern als Explosion des Freiheitsgedankens lesen muss: Organt.

Ihr wollt Euch wirklich verdammen? – Ja. Das will ich.

Dieses lange Gedicht über achttausend Verse ist kein zielloses Frühwerk, sondern eine glänzende Übung in jener Gattung, die im 18. Jahrhundert die gefährlichste aller satirischen Formen war: die Burleske – und zugleich eine deutliche Reverenz an die libertine Literatur der Zeit, insbesondere an Voltaires Pucelle d'Orléans, deren galante Ironie und unverschämte Frechheit hier in neuer Schärfe aufscheint.

In der Burleske steht die Welt Kopf. Hohe Sprache begegnet niedrigem Stoff, Engel werden geohrfeigt, Priester verlieren ihre Würde, und der Held – Antoine Organt, ein kaum verhülltes Alter Ego des Autors – bewegt sich wie ein frecher, anarchischer Cäsar durch eine Welt, die er mit Witz, Zorn und Lust demaskiert.

Saint-Just nutzt die Regeln des heroï-comique, um die Autoritäten seiner Zeit bloßzustellen: die Kirche, die Moral, die Familie, den König selbst. Die plakative Erotik, die aus dieser Tradition hervorgeht, ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein literarisches Werkzeug, mit dem die Heuchelei der "Hohen" scharf und sichtbar durchstoßen wird.

Auch wenn der junge Saint-Just noch mit dem Stoff ringt und das Metrum zuweilen kräftig holpert, ist die spätere Eloquenz seiner Reden bereits spürbar. Organt verspottet, widerspricht, schwelgt, provoziert – die erste Form politischer Freiheit, die Saint-Just sich literarisch erlaubt. Die Dreistigkeit des Textes – sein Angriff auf Himmel und Erde – ist der jugendliche Vorläufer jener Strenge, mit der der spätere Revolutionär die Republik denken wird. Zwischen dem Burlesken und dem Politischen liegt bei Saint-Just kein Bruch: Organt ist der komische Schattenriss eines Menschen, der seinen Ernst und Zorn später zur historischen Konsequenz steigern wird. Hier lacht er noch – hell, böse, spielerisch –, aber das Feuer, das später die Revolution trägt, ist bereits in jeder Zeile zu spüren.

Organt ist damit weniger ein literarisches Kuriosum als der erste Akt eines Lebens, das radikaler kaum hätte verlaufen können: Ein junger Mann entdeckt, im Modus der Parodie, die Freiheit.

Meine im Entstehen begriffene erste deutsche Übersetzung von Organt folgt konsequent der Logik der burlesquen Dichtung des 18. Jahrhunderts. Grundlage ist die französische Erstausgabe von 1789. Wo das Original mit doppeltem Boden arbeitet, behält auch die Übersetzung den Schwung der Zweideutigkeit: körperlich, geistreich und herrlich respektlos. 



Kostprobe der deutschen Übersetzung:

Louis Antoine Léon de Saint-Just: Organt (1789)

GESANG VIII

ZUR SACHE

Seltsame Sünde des Antoine Organt; seltsames Land, in das er gelangt; seltsame Tat des Schutzengels.

Der Schutzengel des ungläubigen Organt,

befriedigt von seiner heiligen Rache,

hatte die Atmosphäre Frankreichs hinter sich gelassen

und flog nun stolz durchs Firmament.

Da erblickte er Organt,

rücklings auf einem Esel,

und neben ihm einen "heiligen Doktor",

der wichtigtuerisch durch die Luft schwebte.

Der scheinheilige Vogel,

den langen Hals verdreht wie eine Gans,

nähert sich und zischt:

"Mein zarter Zögling —

bei allem Ernst – habt Ihr den Verstand verloren?"

"Beim Teufel, jawohl!", schnaubt Organt zurück,

unbelehrbar wie immer.

"Herr Heiliger, der sich hier zum Doktor aufbläst —

Ihr fangt an, mir die Galle zu erhitzen.

Bleibt da oben. Und lasst uns einfach in Ruhe."

Dann, bissig:

"Euer Predigergeplapper langweilt mich zu Tode.

Ich will sündigen.

Nichts, aber auch gar nichts hält mich davon ab.

Und was, zum Donnerwetter, geht es Euch an?

Ich will mit diesen berühmten Gestalten

braten und schwelgen —

Gestalten, die vielleicht würdiger sind als Ihr selbst für den Himmel!

All diese gefeierten Schönheiten,

die der abscheuliche Abgrund leider alle verschlingt!

Also — verschwindet, Herr Prediger.

Ich will in Ruhe sündigen."

Der Schutzengel, vor Schreck zitternd wie ein altes Blatt, stammelt:

"Der undankbare Himmel möge Euch verzeihen!

Mein Schützling — Ihr wollt Euch wirklich verdammen?"

"Ja. Das will ich."

Ohne ein weiteres Wort stürzt Organt los,

den Dolch in der Faust,

und mit einem einzigen brutalen Schlag

hackt er dem Engel das Ohr ab —

und gleich ein Stück Heiligenschein dazu.

Der Engel flieht kreischend in die Höhe,

füllt den Himmel mit wütendem Geschrei,

während Organt rief, ganz unverschämt:

"Beschwert euch nicht mehr,

wenn einer sich verdammt!"

So schwebt er weiter,

wie ein kleiner Cäsar auf seinem Grautier,

das die milde Luft genießt,

den Hals wölbt, prustet, ausschlägt,

furzt und wie ein Gelehrter "doziert".

(...)


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