Die mentale Karte vom Meer: Ostseebilder in Reiseberichten um 1800

Adolf Burmster: Kieler Hafen. Um 1835. Skizzenbücher, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek
Die Ostsee – ein Meer, das seit Jahrhunderten die Fantasie beflügelt, als Lebensraum, Handelsweg und Grenze dient. Um 1800, in einer Zeit des gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Umbruchs, wandelt sich ihr Bild in den Augen der Zeitgenossen. War sie einst ein mystischer, oft furchteinflößender Raum, so wird sie nun zunehmend vertraut, als Vergnügungsort entdeckt, zur Projektionsfläche aufklärerischer und romantischer Ideen verdichtet. Reiseberichte aus dieser Zeit zeichnen ein facettenreiches Bild der Ostsee, das zwischen unermesslicher Weite und vertrauter Nähe oszilliert. Reisende sind dabei nicht nur passive Beobachter, sondern aktive Deuter, die ihre Wahrnehmung durch wissenschaftliche, soziale und ästhetische Kompetenzen formen – ein faszinierender Einblick in die mentale Karte eines maritimen Raumes.
Ein Meer der Gegensätze
Um 1800 galt das Reisen als gesellschaftliche Modeerscheinung. Waren es in früheren Jahrhunderten vor allem Kaufleute, Diplomaten oder Adlige auf Kavalierstour gewesen, die reisten, drängte nun zunehmend das aufgeklärte Bürgertum in die Welt. Jedoch war die Ostsee kein klassisches Reiseziel. Während Südeuropa, etwa Italien, als Inbegriff von Kultur und Schönheit galt, verband man den Norden mit Rückständigkeit und einem ungemütlichen Klima.
"Man fragt mich zuweilen, warum ich in den rauhen Norden, und nicht vielmehr in den milden Süden Europens gereiset sey"1, notierte Christian Ludwig Lenz (1760-1833), Pädagoge aus Schnepfenthal, über seine Reise nach Dänemark und Schweden. Doch die wachsende Mobilität und ein neuer, subjektiver Blick auf die Welt zogen immer mehr Bildungsreisende in den Ostseeraum. Für viele war die Ostsee zunächst ein Hindernis, das es zu überwinden galt, um Metropolen wie Kopenhagen, Stockholm oder St. Petersburg zu erreichen. Überfahrten waren beschwerlich: Starker Wellengang, tagelange Flauten und mangelnder Komfort machten die Reise zur Herausforderung. Der Kieler Historiker Dietrich Hermann Hegewisch (1740-1812) schildert eine solche Überfahrt von Stockholm:
Dreizehn Tage war ich gleichsam ein Gefangener der Ostsee. Fünf Tage Langeweile, drei Tage Sturm mit einem lecken Schiff, dann wieder fünf Tage Stillstand. [2]

Dennoch zeigen Berichte, wie der des Mainzer Schriftstellers Alois Schreiber (1761-1841), erste Ansätze von Naturgenuss. 1800 reiste Schreiber an die Ostsee, allein um ihre Schönheit zu erleben, und beschreibt die Küste als ästhetischen Erlebnisraum: "Ringsumher plattes Land, aus dem Granitfelsen wie ein uraltes Denkmal hervortreten."3 Die Ostsee ist ein Raum voller Gegensätze. Sie ist ein Tor zur Welt, das Handel und kulturellen Austausch ermöglicht, aber auch ein trennendes Element, das die Eigenheiten ihrer Anrainer prägt. Gleichzeitig fördert sie durch ihre maritime Lebenswelt den Zusammenhalt des Ostseeraums, ein Zeichen einer "Verkleinerung" der Ostsee, ein Schwinden exotischer, unergründbarer Weite hin zu vertrauter Nähe der Küsten jenseits des Horizonts im Bewusstsein Reisender. Diese Vielschichtigkeit macht die Ostsee zu einem Deutungsraum, der sich ständig neu erfindet – ein Meer, das verbindet und zugleich trennt.
A Sea Coast Promenade Fashion, 1809
Die Entzauberung der Furcht
Bis ins 18. Jahrhundert manifestierte sich die Ostsee als ein Gewässer dunkler Mythen, durchdrungen von Sturmgewalten, Schiffsunglücken und der Projektion eines unheimlichen, schwer erschlossenen Raums. Zwar wurde ihr nie die schiere Gefährlichkeit oder unermessliche Weite der Nordsee oder der Ozeane zugesprochen, doch diente sie als symbolische Projektionsfläche für Ängste – häufig als abgründiges Relikt biblischer Sintfluten. Um 1800 jedoch verliert diese Furcht sukzessive an Dominanz. Fortschritte in der Nautik – etwa die präzise Bestimmung der Längengrade und der Aufbau von Leuchttürmen – erschließen das Meer neu, machen es berechenbarer und zugänglicher. Zugleich verdrängen geologische Erkenntnisse die mythischen Erzählungen: Inseln und Klippen erscheinen nun als Evidenzen natürlicher Prozesse wie der Landhebung. Reisende wie Johann Georg Kerner (1770-1862) nehmen die flachen Küsten der Ostsee mit dem Blick des wissenschaftlichen Beobachters wahr. Er beschreibt, wie das Meer vielerorts so sanft ansteigt, dass man ohne Furcht weit ins Wasser waten kann: "Man erschrecke nur nicht! […] sie fängt aber an unzähligen Stellen so flach an und wird nur so allmählig tief."4 Diese Beschreibungen entmystifizieren das Meer, transformieren es von einem Ort der Angst in einen Raum, der Neugier, Entdeckungsfreude und sinnlichen Genuss weckt. Das Baden am Meer gewinnt an Bedeutung, getragen von antiken Vorbildern und einem wachsenden Bewusstsein für "Zivilisationskrankheiten". In Deutschland legte Herzog Friedrich Franz I. 1793 in Doberan den Grundstein für das erste Seebad. Christian Ludwig Lenz, ein erfahrener Schwimmer, wagte sich 1796 ins Meer und erkannte, dass das salzhaltige Wasser leichter trägt als Süßwasser – doch ein ungestümer Kopfsprung ins Wasser hatte Folgen: Er stieß das Boot weg und konnte es nur dank eines angebrachten Seils erreichen. Solche Erfahrungen führten Lenz zur Forderung nach flächendeckendem Schwimmunterricht, um die "Verwegenheit im Wasser"5 zu zügeln.

Travemünde, Lithografie, signiert u. datiert: J. M. Werner [?] 1835. Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek. Sign: Travemuende 7
360-Grad-Rundumblick
Reiseberichte um 1800 dokumentieren eine dialektische Raumwahrnehmung der Ostsee, die sich zugleich als expansiver, offener Ozeanraum und als eng verflochtener, vernetzter Seeweg offenbart. Diese duale Perspektive reflektiert die komplexe geographische, kulturelle und symbolische Funktion der Ostsee als sozial konstruiertes Territorium, das ambivalente Konzepte von Weite, Nähe, Orientierung und Identitätsbildung hervorbringt. Für Johann Gottfried Herder (1744-1803) ist die Ostsee ein Raum, der Orientierungslosigkeit hervorruft: Beim Verlassen des Hafens verschwinden die Küsten am Horizont, und das Meer wird zu einer grenzenlosen Fläche, die neue Denkweisen erfordert. Zur Erfahrung des Horizonts gehört gleichermaßen die Befreiung und die Einschränkung des Blicks. Der "360-Grad-Rundumblick" eröffnet dem Auge bisher ungeahnte Weiten. Diese Weite kann überwältigend sein, regt jedoch auch zu philosophischen Reflexionen an, etwa über die Unendlichkeit der Natur. Dass der Horizont eine "bewegliche Grenze" ist, die sich immer wieder erneut in die Ferne verschiebt und allein in ihrer Unerreichbarkeit konstant bleibt, kommt den Romantikern gerade recht. Während manch aufgeklärter Reisender nach einem Fernglas verlangt, um sich alles – Ozean, Küste, Land – in seinem Wissensdurst zu erschließen, sucht die Schriftstellerin Fanny Tarnow (1779-1862) genau das Gegenteil: "dies Gefühl der unbedeutenden Nichtigkeit des Lebens."6 Gleichzeitig erscheint die Ostsee oft erstaunlich eng. Fanny Tarnow schildert lebhafte Schifffahrtsrouten, auf denen Dutzende Schiffe kreuzen, manche so nah, dass man sich über das Wasser hinweg unterhalten kann. Ernst Moritz Arndt empfindet seine Überfahrt von Südschweden nach Stralsund als unspektakulär, geprägt von regelmäßigen Postschiffen, die das Meer zu einem alltäglichen Verkehrsraum machen. Diese Nähe fördert die Vorstellung vom Zusammenwachsen einer einheitlichen Kulturregion rund um die Ostsee. Doch die flach ins Meer abfallenden Küsten haben ihre Tücken: Enge Fahrwasser und Untiefen machen die Ostsee besonders bei Stürmen gefährlich. Die begrenzte Ausdehnung der Ostsee machte die Navigation riskant, da Klippen und Küsten stets in der Nähe lauerten.
Johann Georg Kerner (1770-1812): in: Reise über den Sund, Tübingen 1803; Fanny Tarnow (1779-1862), in: Briefe auf einer Reise nach Petersburg an Freunde geschrieben, Berlin 1819; Dietrich Hermann Hegewisch (1746-1812): Lithografie, um 1790.
Die Ostsee als Seelenlandschaft
Um 1800 wird die Ostsee nicht nur wissenschaftlich erfasst, sondern auch ästhetisch und emotional neu gedeutet. Inspiriert von der Empfindsamkeit und später der Romantik, verwandeln sich Reiseberichte in subjektive Erlebnisse. Die Ostsee wird zur Bühne für das Erhabene und Romantische, sie wird ihrer Wissenschaftlichkeit enthoben und zur Projektionsfläche für literarische Topoi gemacht. Im Gegensatz zur Nordsee bleibt sie ein sanftes Meer, manchmal sogar fern jeglicher Unergründbarkeit, bis zur Ermüdung unspektakulär. Und doch wollen die Reisenden Bilder in ihr sehen: Herder nennt sie ein "heilig-gesichertes Meer", das Ruhe und Frieden symbolisiert.7 Christian Ludwig Lenz beschreibt ihre klare Wasseroberfläche als Spiegel innerer Harmonie, ein "schönes Bild der Seelenruhe"8. Fanny Tarnow schildert einen Sonnenuntergang, bei dem die Sonne im Meer versinkt und der Mond am klaren Himmel aufgeht – ein Bild, das an die Landschaftsmalerei Caspar David Friedrichs erinnert:
Das Meer, statt dem Scheine nach, Länder und Welttheile zu trennen, sie in der Wirklichkeit mit einander verbindet.[9]
Stürme werden zum zentralen Motiv, das die Naturgewalt und menschliche Ohnmacht inszeniert. Dietrich Hermann Hegewisch nutzt einen Sturm, um die Vernunft zu feiern: "In diesen Stunden, dünkt mich, ist es, wo die Vernunft, mit ihrem ganzen reinen Glanze strahlen und dem Geiste leuchten mus."10 Lenz hingegen gesteht eine heimliche Freude daran, wenigstens einen kleinen Sturm erlebt zu haben. Diese ästhetische Deutung verwandelt die Ostsee in eine Seelenlandschaft, die Gefühle, Ängste und Hoffnungen der Reisenden widerspiegelt.
Die kulturelle Neuvermessung der Ostsee
Reiseberichte um 1800 spielen eine zentrale Rolle bei der kulturellen Neuvermessung der Ostsee als Raum tiefgreifender Transformation. Das Sehen und Beschreiben Reisender ist von einer hohen Deutungskompetenz geprägt, die weit über geografische Erfassung hinausgeht. Sie lassen "mentale Karten" entstehen – hybride Konstrukte von Räumlichkeit, die das Meer nicht nur kulturell und ikonografisch, sondern auch epistemisch, sozial, ästhetisch und affektiv definieren. Die Ostsee wird dabei als dynamischer Bezugsraum erfahrbar, der Naturwahrnehmung, Wissensordnungen, politische Verflechtungen und individuelle Affekte miteinander verschränkt. Reiseberichte wirken so nicht nur dokumentierend, sondern raumkonstituierend: Sie zeichnen die Ostsee als Bindeglied, das durch Schifffahrtsrouten und Häfen kulturelle und soziale Annäherung ermöglicht. Nationale Grenzen treten zurück zugunsten einer maritimen Identität. Indem die Texte alte Ängste und Mythen in neue Erzählungen überführen, tragen sie selbst zur Transformation des Meeresbildes bei – hin zu einem Raum der Verbindung, Erkenntnis und Erholung.
1 LENZ, Christian Ludwig, Bemerkungen auf Reisen in Dänemark, Schweden und Frankreich, gemacht von Christian Ludwig Lenz, Lehrer an der Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal, 1. Hälfte, Gotha 1800, S. 1.
2 HEGEWISCH, Dietrich Hermann, Erinnerungen auf einer Reise nach Stockholm im Jahre 1794, o. O. 1795, S. 4.
3 SCHREIBER, Alois Wilhelm, Bemerkungen auf einer Reise von Strasburg bis an die Ostsee im Sommer 1791, 2 Hälften, hier: II. Hälfte, Leipzig 1794, S. 16.
4 [KERNER, Johann Georg], Reise über den Sund, Tübingen 1803, S. 178.
5 LENZ, Bemerkungen, S. 61.
6 TARNOW, Fanny, Briefe auf einer Reise nach Petersburg an Freunde geschrieben von Fanny Tarnow, Berlin 1819.
7 Johann Gottfried von HERDER: An die Ostsee, in: Johann Gottfried von Herders gesammelte Werke, hg. v. Johann von Müller, neunter Teil: Adrastea I: Begebenheiten und Charaktere des 18. Jahrhunderts, Karlsruhe 1820, S. 366.
8 LENZ: Bemerkungen auf Reisen, S. 40.
9 TARNOW: Briefe, S. 7.
10 HEGEWISCH: Erinnerungen, S. 84.